
Sonntagmittag laufen wir aus dem süßen Örtchen Beaufort, NC, wieder auf den Nordatlantik aus und nehmen Kurs Richtung Südosten, um zunächst etwas Abstand zur Küste zu gewinnen und Cape Lookout zu passieren. Ziel dieser Etappe ist es im Anschluss, Cape Hatteras zu runden und Norfolk anzulaufen. Wie schon im letzten Bericht angekündigt, ist diese Etappe berüchtigt und gestaltet sich je nach Wetter durchaus anspruchsvoll. Bei nördlichen Winden schaukelt der von Süden aus um das Kap strömende Golfstrom die See zu einer steilen, kurzen See auf. Dummerweise steht seit unserer Ankunft am Vortag ein strammer Wind aus Nordost an dem Kap. Unser lokaler Kontakt, Schaumi, ein Hamburger Fahrten- und Regattasegler, der seit vielen Jahren in der Region lebt, berichtet von einem erfolgreichen Volvo-70-Regattasegler, der das Kap bei Nordostwind gerundet hat und seine Erfahrungen dabei mit seiner letzten Kap-Horn-Rundung vergleicht. Auch der Chief Engineer der benachbarten 164'-Segelyacht ist überrascht, als wir von unseren Plänen während einer ausführlichen Besichtigung erzählen. „That's gonna be tough. We wouldn't go there.“ Wir studieren in Vorbereitung auf die Etappe also intensiv die diversen Wettermodelle, Wetterkarten, Revierführer und elektronischen Erfahrungsberichte, die uns zur Verfügung stehen. Am Montagmittag wird eine Kaltfront nördlich von Cape Hatteras stehen, die immer wieder zwischen zwei Windsystemen nach Nord und Süd geschoben wird. In diesem Kontext gibt es knapp 12 Stunden lang südliche Winde am Kap, die die See zügig glattbügeln und eine Rundung ermöglichen. Nach Durchgang der Front soll der Wind am Kap wieder auf Nord drehen und einige Tage so bleiben, bis sich die nächste Kaltfront annähert. Dieses Wetterfenster wollen wir also unbedingt nutzen!





Wir segeln bei moderaten Winden hoch am Wind von Beaufort nach Südost in Richtung Cape Lookout. Nach dem Kap ändern wir unseren Kurs auf Nord-Nordost, um zum Cape Hatteras zu kommen, und wechseln bei nachlassendem Südwind von Vollzeug auf den Motor. Wir runden Cape Hatteras, den sogenannten „Graveyard of the Atlantic“, an diversen Wracks vorbei unter Maschine. Der Wind hat mittlerweile wie geplant auf Süd gedreht und wir kommen bei knapp 2 m Seegang entspannt um das Kap. Wir verfolgen einige Segelboote im AIS, die offensichtlich die gleiche Idee wie wir haben, und freuen uns, nicht die einzigen Verrückten zu sein. Wir machen weiter Strecke nach Norden und wechseln bei wieder zunehmenden Winden vom Motor auf Segel. Dabei nähern wir uns der angekündigten Kaltfront an. Als die Front in Sicht kommt, reduzieren wir die Segelfläche in Erwartung von zunehmendem Wind. Stattdessen stehen wir dann in der Flaute im Regen. Als die Front klar achteraus ist und wir wieder unter trockenem Himmel stehen, nimmt der Wind kontinuierlich zu und wir laufen um 04:00 Uhr morgens unter Stagfock und zweitem Reff in Norfolk ein. Schaumi hat unseren Routenfortschritt verfolgt und dankenswerterweise einen Liegeplatz direkt neben einem Navy-Sperrgebiet für unsere nächtliche Ankunft reserviert. Am Morgen begrüßt er uns mit vorgekühlten Getränken und süßen Teilchen zum Frühstück am Steg und heißt uns in Virginia willkommen. Nach einer Stärkung, dem Aufbunkern von Proviant und Diesel, verlegen wir das Walross von unserem nächtlichen Liegeplatz in die Waterside Marina in der Innenstadt. Unsere Hafenrundfahrt dauert über drei Stunden und wir stellen bei Tageslicht fest, dass Norfolk eine einzige riesige US-Navy-Base ist. Wir passieren unter anderem drei Flugzeugträger, mehrere LHA, also Mini-Flugzeugträger, und diverse Supporting Vessels. Zur Feier der geschafften Etappe kundschaften wir den Waterside Market aus. Eine Mall, die direkt neben unserem Liegeplatz verortet ist, quasi nur aus Bars besteht und einer Walross-3-Crew von 2003 in guter Erinnerung geblieben ist. Am Mittwoch lädt uns Schaumi ein, mit ihm Feierabendregatta zu segeln. Fünf regattabegeisterte Crewmitglieder lassen sich das nicht zweimal sagen und finden sich dazu im Hampton Yacht Club an Bord eines knapp zwei Tonnen leichten 33-Fuß-Schiffs ein. Unter Anleitung des begeisterten Eigners am Rohr segelt die Crew das ungewohnt leichte Schiff auf den zweiten Platz. Anschließend wird die Crew von Schaumi am Grill verköstigt, während der Rest der Crew die Stille an Bord genießt.






Am nächsten Tag geht es für einige der Crew auf einen Roadtrip durch North und South Carolina. Wir tuckeln mit Schaumis Auto los und fahren über den Highway zu den Outer Banks. Unser erster Stopp führt uns nach Kitty Hawk – später erfahren wir, dass dort die ersten Flugversuche in den USA stattfanden. Nach einem Rundweg durch einen kleinen Park mit unzählig vielen bemoosten Schildkröten führt uns unser Hunger, vorbei an Häusern auf Stelzen, in eine Strandbar, wo wir sehr gute Burger und Fries verköstigen. Nach einem Strandspaziergang und dem Beobachten von Surfern fahren wir durch das Hinterland nach Virginia Beach. Der Ort beeindruckt uns nicht wirklich, bietet aber noch einmal eine Möglichkeit für ein kurzes Bad, bevor es zum Captain’s Dinner geht.
Der Rest der Crew bleibt in Norfolk, genießt die Ruhe, bastelt am Walross und geht für das Captain’s Dinner einkaufen. Joni und Jones bereiten dann an Bord eine vorzügliche Steaknight vor. Der Freitag startet mit einer großen Putzerei, anschließend wird noch die USS Washington besichtigt, bevor es abends in eine Rooftopbar mit Blick auf den Hafen geht. Wieder einmal wird gut gespeist, Wein getrunken und lokaler Crabdipsprobiert. Die Reise klingt auf dem Walross aus, die ersten neuen Crewmitglieder kommen an, und von einigen muss sich schon abends verabschiedet werden.





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