Posted by on 30. Mai 2026

Crew komplett, Gepäck auf Urlaub
Zwei Wochen harrten Vero und David, die letzten Überbleibsel der Seereise R07 (San Juan–Nassau), nun in Nassau aus. Sie konnten die Abreise kaum abwarten. Um je einen Steuermann sowie einen Wachführer vom ASV in Kiel reicher, ist die Crew nun an Tag Null der Seereise R08 (Nassau–Miami) nahezu vollständig. Es fehlt noch das Aufgabegepäck des Letztgenannten, welches einen spontanen Kurzurlaub in Amsterdam verbrachte, sowie kein geringerer als der Vorsitzende unseres Hochverehrlichen. Dieser wollte unbedingt erst am Samstagabend anreisen, da er so vermutlich fünf Euro Flugkosten sparen konnte. Unsere Crew besteht aus Schiffer Norman, Steuermann Tim, Wachführer Bene sowie Christine, Lena, Marta, Vero, Ben und David. Wir haben das Schiff – etwaigen Ciguateravergiftungsnachwehen trotzend – natürlich bereits für den morgigen Segeltag vorbereitet und auch unsere Einkäufe im örtlichen Super Value vorgenommen. Dieser Name ist übrigens Programm. Schließlich haben wir das Haferflockenmüsli einer bekannten protestantischen Bewegung hier für lediglich acht Dollar käuflich erwerben können. In Solomon’s Fresh Market neben der Marina musste hierfür schon der Bahama-Dollarschein mit dem schönen Leuchtturm her.

Festgefahren und freigeschaukelt
Tag Eins ging gut los. Der noch eingespeicherten Plotterlinie der Vorcrew folgend, sollte problemlos aus dem teils sehr untiefen Wasser vor East Providence herausnavigiert werden. Viereinhalbmeter Wassertiefe sagt die Karte an der Stelle, an der unsere Reisegeschwindigkeit von 2,8 Knoten abrupt auf null einbricht. 3,2 Meter stehen hier auf unserem Tiefenmesser, trotzdem sitzen wir fest. Toll! Ein Glück hat ein Angler namens John unsere Notlage erkannt und versucht mit seinem 20-PS-Dinghy, an unserem Spifall ziehend, uns die nötige Krängung zu geben, um wieder in tiefere Gewässer zu kommen. Nach einigem erfolglosen Hin- und Her verabschieden wir uns von ihm, lassen unseren Schiffer die Situation per Schnorchel von unten sondieren, der umgehend feststellt: „Wir haben uns in die falsche Richtung ziehen lassen.“ Schnell ist unser Baby-Walross klariert, dessen Tohatsu-Außenborder sich mit einem Viertel der Leistung nicht hinter dem von John zu verstecken braucht. Ob es nun unser Dinghy oder der Tidenhub war, der uns freisetzte – wir glauben ja an eine fruchtbare Ko-Produktion – die erste Schrecksituation ist gemeistert. Wir moteuren in unsere erste Ankerbucht und erschnorcheln das Korallenriff, welches sich dort über unsere gesamte Breitseite erstreckt. Christines Ankeralarm lässt uns noch während des laufenden Ankermanövers wissen, dass der Anker nicht hält. Schließlich tut er es doch.

Fünf-Stunden-Squall
In der Nacht zu Tag Zwei dreht der Wind um 180 Grad und wir freuen uns, dass es sich unser Anker am Abend zuvor im sandigen Grund derart gemütlich gemacht hat, dass wir nicht auf ungewollten Schmusekurs mit der benachbarten maltesischen Luxussegelyacht gehen. Alle Versicherungsmakler im Umkreis von hundert Seemeilen atmen erleichtert auf. So können am Morgen nun erstmals die Segel gesetzt werden und wir machen uns weiter Richtung Bonds Cay aka Waka Island. Inhaber dieser schmucken

Bahamas-Insel sind Shakira und Roger Waters. Wie wohl ein Feature zwischen diesen beiden musikalischen Superschwergewichten klingen würde? Unterwegs gibt es zur Stärkung das bereits erprobte Sancocho der vorherigen Seereise, diesmal zubereitet von Vero. Abends vor Anker werden Wraps verspeist. Wer stets die Sorge hat, dass diese zu voll sind, um ordentlich zusammengefaltet werden zu können, dem sei hier Abhilfe geschaffen. Die amerikanischen Fladen sind größentechnisch am ehesten mit einem Gullideckel zu vergleichen. Riechen tun sie zum Glück besser, was bei den nordamerikanischen Backwaren nicht selbstredend ist. (Wir berichteten.)

Erneut werden wir nachts mit einem Winddreher um 180 Grad beehrt. Diesmal jedoch begleitet von einem klassischen Fünf-Stunden-Squall, der unseren Anker gleich zweimal aus seinem Nachtbett slippen lässt. Mit doppelt so viel Eisenware hinterhergeworfen hält er schließlich auch für den Rest der Nacht. Nun plagen uns nur noch die morgendlichen Rigggeräusche, welche dem Klang nach von der nächsten Ankunft Cthulhus zu läuten scheinen – der perfekte Zeitpunkt, um unserem Kieler Wachführer ein Ständchen zu singen. Dazu gibt es einen Geburtstagshefezopf. Gegen Nachmittag ankern wir nach ausgiebiger Eierkuchenmahlzeit nebst einer Privatinsel der Royal Caribbean Cruiselines. Christines Ankeralarm begleitet wieder zuverlässig das Manöver. Damit die Kreuzfahrttouristen auch mal eine Pause von ihren Kreuzfahrtschiffen mit All-you-can-eat-Buffet und Wasserpark erhalten, können sie dieses Stück Land besuchen, auf der All-you-can-eat-Buffets und ein Wasserpark auf sie warten. Hier dürfen wir nicht mit unserem Dinghy hin. Laut unserer Karte wohl aber auf eine weitere nahe Insel, auf der man mit Schweinen schwimmen können soll. Einzigartig in der Karibik, versteht sich. Wir fahren hin, nur um dort Schilder zu lesen, die uns beim Anlanden direkten Beschuss befürchten lassen. Nicht verzagen! Wir haben noch zwei weitere schöne Inseln um uns. Die nächste hat wunderschönes azurblaues Wasser, jedoch einen Boden der morastiger riecht als unsere Scharfe Lanke im Hochsommer. Die letzte Insel warnt uns vor Watch Dogs. Da wir nun unserer Beiboot-Herumfahrerei erheblich müde sind und keine voyeuristischen Hunde fürchten, machen wir es uns hier gemütlich. Zumindest, bis uns in der Abenddämmerung die Kriebelmücken die weitere Muschelsuche verunmöglichen. Zurück auf Walross haben wir nach nun drei Tagen Suchen endlich die Lichterketten gefunden. Sie waren – wie kann es auch anders sein – im mystischen Schapp. Hier schaut nie jemand rein, obwohl dort alles verstaut ist, was sonst nirgends an Bord gefunden werden kann. Im Glanz der Lichterkette trinken wir unsere Sundowner und essen eine im Gegensatz zur Vorreise nun gänzlich unversalzene Puttanesca.

Im Sonnenuntergang nach Bimini
Mit Tag Vier segeln wir nun erstmals unser Wachsystem, d. h., die Backbordwache um Christine, Lena, Vero und Bene segelt. Die Hälfte der Steuerbordwache wird vom Geruch von Tims Bacon-Rührei-Brioche-Frühstück geweckt. Marta schläft davon unbeeinflusst weiter. Sie segeln anschließend ihre Wache, bei der es vier Stunden lang nur darum geht, wie die Segel getrimmt werden können um einen bestmöglichen Geradeauskurs zu gewährleisten. Steuern ist ja so anstrengend. Danach ist die Backbordwache wieder am Zug und muss bei den sich regelmäßig ändernden

Windbedingungen das Ein- und Ausrollen des Codes mit dem Ein- und Ausschalten des Motors abwechseln. Unten macht man es sich nun in der Kabache „Zum Walross“ gemütlich. Nicht, dass der gute Portwein noch an die Nachcrew vererbt werden muss. Vor Einbruch der Dunkelheit wird noch eine dominikanische Zigarre vernichtet, welche es sich in dem humiden Mikroklima des Handgepäcks vom Chronisten vor nun etwa einem Monat gemütlich gemacht hatte. Missverständnissen bezüglich ihrer Herkunft bei der Einreise nach Miami wird so vorgebeugt. Im Sonnenuntergang geht es am Haunted Lighthouse vorbei, weiter Richtung Alice Town, Bimini, um die Insel zu besuchen, von der Vero bereits Wochen zuvor eine Schirmmütze erwarb. Hätten wir diese nun unverhofft doch nicht angesteuert, wäre es wohl das peinlichste Urlaubssouvenir dieser Seereisensaison. Und das, obwohl der Chronist bereits etwa fünf T-Shirts verschiedener karibischer Biermarken sein Eigen nennt.

Die Nachtwache verläuft glücklicherweise ereignislos. Es werden die Ramen-Reserven angebrochen, da man zu befürchten hat, von Vero kielgeholt zu werden, sollte man ihr frisches Sauerteigbrot noch vor dem Frühstück anschneiden. Zum morgendlichen Bad im Atlantik darf das Yachticon Meerwassershampoo nicht fehlen. Ein Glück kommt es nicht in derselben Flasche wie der Rumpf- und Gelcoatreiniger derselben Marke. Beim Landgang auf Bimini gibt es eisgekühlte Cuba Libre, da unser Vorsitzender hier wohl seine letzte Chance hat, in diesem Urlaub einen legalen Schluck Alkohol zu genießen. In Miami darf er leider noch keine Bar betreten und wir wollen aufpassen wie die Heftelmacher, dass sich unser wichtigstes Vereinsmitglied nicht wenige Wochen vorm Stiftungsfest noch in Abschiebehaft befördert. In der örtlichen Bäckerei besorgen wir zwei sündhaft teure Stücken Rum Cake, damit jeder einen Happen dieser lokalen Spezialität probieren kann. Auch unsere Thermoskannen können nun endlich wieder mit frischen Eiswürfeln aufgefüllt werden. In der darauffolgenden Sonnenpause unter Deck kann so die x-te Runde des Seereisenklassikers Hick Hack: In Gackelwack (2001, 1. Auflage, Marktwert laut Eigner: 300 €) starten. Abends verlassen wir leicht wehmütig unseren bisherigen Lieblingsort gen Endziel unserer Reise. Dementsprechend folgt im Walross-Radio „Crocket’s Theme“ nahtlos auf den Hit „Welcome to Miami“. Wir lassen die Stadt bei unserer Überfahrt stets Steuerbord voraus, da der Golfstrom uns wie auf einem Förderband mit vier Knoten Richtung Norden zu verholen versucht. Dennoch müssen wir uns kurz vorm Ziel geschlagen geben und den Motor anschmeißen.

Miami voraus: Seekühe, Poolterrassen und Captain's Dinner
Am frühen Morgen kommen wir schließlich an der Tanke vor Miami Beach an, wo uns die Beschilderung freundlichst bittet, auf die hiesige Manati-Population Rücksicht zu nehmen. Es dauert jedoch bis zu unserem Anleger an unserer Marina in Downtown Miami, bis wir die erste Seekuh und ihr Kalb sehen. An Bord besuchen uns derweil der deutsche Vizegeneralkonsul Nino und Ilona. Das Schiff haben wir vorerst im Eiltempo soweit klar gemacht, dass es den Anschein erweckt, es wäre tatsächlich sauber. Nach der ordentlichen Walross-Tiefenreinigung geht es dann an die persönliche. Da die Marina zum benachbarten Hotel gehört, gibt es leider keine Facilities im herkömmlichen Sinne. Wir müssen mit der Poolterasse im 16. Stock Vorlieb nehmen, grämen uns

deswegen jedoch nicht allzu sehr. Mit den dort servierten kühlen Drinks lässt es sich ja doch irgendwie ertragen. Da uns gegen Abend gehörig der Zahn tropft, lädt uns Norman in den Black Market ein. Eine Sportsbar, in der wir in Sachen Burger und Rippchen ordentlich übern Tarif essen, der vielleicht etwas gesündere Coleslaw jedoch wie Goldstaub behandelt wird – genau das Verhältnis, das wir uns von unserem Captain’s Dinner erhofft hatten.

Schöne Seereise ex!

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