Posted by on 30. April 2026

Group of Friends

Samstag, 10 Uhr ist Schiffsübergabe in der Marina in San Juan. Die Crew der nächsten zwei Wochen besteht aus Ralf, Philipp, Hensche, David, Julie, Vero und den Gästen Carl, Roman, Clara und Ramon, letzterer im Laufe der Reise auf „Schinken“ getauft. Ziel ist es, in elf Tagen von San Juan nach Nassau auf den Bahamas knapp 800 Seemeilen zu segeln.

Direkt macht sich ein Einkaufsteam auf, um die notwendigen Vorräte für die Reise zusammenzustellen. Nach fünf Stunden im deutlich überklimatisierten Riesen-Walmart ist die Einkaufsliste abgearbeitet und alle Ladungen zum Schiff gebracht und erfolgreich verstaut. Gescheites Brot – Fehlanzeige. Dafür sind unsere Bagels „enriched“ worden. Ähnlich erging es dem Reis, der Milch, dem Mehl, usw. Wir schauen lieber nicht auf die Zutatenliste, um zu erfahren, was das bedeuten mag. Zurück in der Marina gibt es ein Ankunftsgetränk und erste Teile der Sicherheitseinweisung werden abgearbeitet, ehe zum Abendessen beim vorerst letzten Landgang Tacos und Burritos gespeist werden.

Am nächsten Morgen starten wir um sechs Uhr, da noch ein Besuch beim Immigration Department für die Ausreise aus den USA ansteht. Dafür geht’s zum nahegelegenen Kreuzfahrtschiffhafen. Leider müssen wir mit einer anlandenden Masse an Touristen i. H. v. etwa zwei Dampferladungen Vorlieb nehmen, die Vorrang in der Einreiseabwicklung hat. Nach drei Stunden sind wir endlich im CBP-Office angelangt. Dort müssen wir zunächst das Konzept eines organisierten Segelvereins ausführlich erklären, da es ausgehend von der Begrifflichkeit „Crew“ zu mittelschweren Missverständnissen mit einem Officer kommt, der uns für eine für Geld arbeitende Schiffsbesatzung hält und mit 6.000 $ p. P. Strafe droht, ehe wir uns auf den Terminus einer „Group of Friends“ einigen und unsere notwendigen Papiere erhalten. 14 Uhr sind wir bereit abzulegen und laufen ohne Zwischenfall aus dem Hafen aus. Schnell lassen wir die Festungsanlagen von San Juan hinter uns und steuern auf den Atlantik hinaus. Die Dünung von 1,5 Metern zeigt schnelle Wirkung bei dem Gäste-Teil der „Group of Friends“, sodass die Pütz nach einer halben Stunde bereits zum Einsatz kommt.


Das erste Etappenziel ist die äußerste Insel der Bahamas: Great Inagua Island, die wir nach drei Tagen erreichen wollen. Als die Nacht hereinbricht, stellen wir fest, dass wir von mehreren Gewittern umgeben sind, die den Himmel im Sekundentakt hell erleuchten. In diesen Stunden leistet uns ein kleiner Vogel, auf dem Rettungskragen sitzend, Gesellschaft. Wir taufen ihn kurzerhand "Eugen Schwarz" und verdanken unserem neuen Crewmitglied eine stets genaue Angabe der Windrichtung. Wir bleiben bis auf ein paar kurze Regenschauer jedoch zunächst von Unwettern verschont, während wir die Bermudadreieckskante entlangheizen. Die Seeübelkeit hat nach 24 Stunden nun mittlerweile die Hälfte der Crew ereilt. An ausgiebige Mahlzeiten und gemütliche gemeinsame Abendessen ist noch nicht zu denken.

Am nächsten Tag werden wir gegen Mittag von einem kurzweiligen Unwetter heimgesucht und müssen bei sich aufbauender See und bis zu 45 Knoten Bö ins dritte Reff. Als die Freiwache abwechselnd ihren Nachmittagsschlaf aufgrund ihrer "Sextanterblasen" (dieser Begriff musste durch den Schiffer erst erklärt werden) kurzfristig unterbricht, erblickt sie auf ihrem Weg zur Baby Blake Sodom und Gomorra im Cockpit, nur um schulterzuckend ihres Geschäfts nachzugehen. Nachdem der Baum für einen Augenblick den Schwell küsst, schwingt sich der Schiffer ans Rohr, die Situation ist gerettet und wir steuern in den ersten schönen Abendhimmel hinein.

Die Nächte sind nun auch sternklar und wir können den tollen Himmel genießen. Vor allem die Morgen- und Abendstunden sind besonders schön. Wir kommen weiterhin mit gut sieben Knoten im Mittel voran und die Eingewöhnungsphase an den Seegang scheint mit Reisetabletten für den Großteil der Crew einigermaßen überwunden. Einmal gibt es einen kurzen Delfinalarm sowie ab und zu einen kurzen Starkregen. Während die Steuerbordwache, a. k. a. Schönwetter-Wache, an ihren Spanischkenntnissen anhand der Songs von Bad Bunny feilte und den Wachführer vom Schlaf abhält, erhält die Backbordwache pünktlich zum Wachwechsel eine Regendusche. Der guten Laune tut dies aber keinen Abbruch, denn der andauernde Ohrwurm „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros wird über Tage weiter gebrummt. Am dritten Morgen kommen wir gegen elf Uhr der Insel Great Inagua näher.

Erste Insel

Im Angesicht der sich nähernden Insel und des türkis strahlenden Wassers, wird klar, dass sich die anstrengende Etappe auf See gelohnt hat. In den Hafen können wir aufgrund unseres Tiefgangs nicht und ankern auf der Rückseite der Insel, ohne den bereits vom Klima so gepeinigten Korallenköpfen noch weiter zuzusetzen. Bei schönstem Sonnenschein und einem Kaltgetränk warten wir darauf, dass Ralf von seinem Landgang zurückkehrt, um unsere Einreiseerlaubnis auf die Bahamas einzuholen. Hierfür muss er mit unserem Baby-Walross an Land transportiert werden, welches der überraschend starken Brandung zum Trotz seine Mission erfüllt. Auf die auf eine Größe von etwa drei Kubikdezimetern geschrumpften fünf Pferde ist wieder Verlass. Die Klebstofffabrik muss vorerst warten. Digitale Zahlungsmethoden haben es jedoch anscheinend noch nicht in das äußerste Bahamas-Department geschafft, weshalb vierzig Dollar in Bar in einer zweiten Tour nachgeliefert werden müssen.

Wir genießen die Zwischenzeit in der Sonne und nehmen ein erstes Bad. Ein Teil der Crew wagt einen kleinen Landausflug. Der riesige Salzwassersee mit der Flamingokolonie, die es auf der Insel gibt, liegt leider deutlich zu weit entfernt im Landesinneren. Daher muss ein kleiner Spaziergang bei Platzregen nahe der Küste genügen. Die Menschen sind alle sehr freundlich und viele halten mit dem Auto an und fragen, ob man sich verirrt habe und Hilfe brauche. Sonst wirkt die Insel ein wenig trostlos, da vieles verlassen, verfallen und der Hafenort nur spärlich besiedelt ist. Die meisten Inselbewohner arbeiteten im Salzabbau für "Morton Salt", wie uns später erzählt wird. Zurück an Bord sehen wir noch einmal einen Delfin der seine Kreise ums Boot zieht. Den Abend verbringen wir alle zusammen an Deck, genießen ein bis drei Sundowner und können anschließend, bis auf eine einstündige Ankerwache, die jeder zu leisten hat, endlich mal wieder durchschlafen.

2. Segeletappe

Am nächsten Morgen starten wir früh, um die nächste Segeletappe nach Cat Island anzutreten. Wir haben guten Wind und kommen mit durchschnittlich acht Knoten voran. Das Wetter spielt nun auch wieder mit, wobei die Mittagsstunden sehr heiß sind. Unterwegs backt Vero mittlerweile die zweite Charge Brot, da die Konservierungsstoffe der Bagels aus Puerto Rico abscheulicher riechen als es die tödlichste Schimmelpilzkolonie es je könnte. Da die Schiffsführung mittlerweile erheblich müde von Guacomole ist, wird sie ab jetzt mit Spiegelei und Speck versorgt. Mittags gibt es Mofongo, einen Kochbananenbrei.

In der Nacht frischt der Wind doch nochmal auf knapp über 20 Knoten auf, sodass wir zeitweilig ohne Genua im dritten Reff durch die Dunkelheit schaukeln, ehe im Morgengrauen wieder auf Reisegeschwindigkeit gen Etappenziel gegangen wird. Passend zum Sonnenaufgang wird auch gerne ein frühes Frühstück genossen und von äußerst skurrilen Cerealienvarianten, die eher an Konfetti und Kaugummi erinnern, gekostet, welche anschließend besonders tief im Frühstücksschapp verstaut werden. Nach 1 1/2 Tagen und ca. 250 Seemeilen erreichen wir am späten Nachmittag die Insel und fahren langsam in die riesige Ankerbucht. Wohlbemerkt mit Motor auf Sicht, da hier zahlreiche nicht genau kartierte Korallenköpfe vom Grund aufragen.

Cat Island

Bei der Einfahrt in die Bucht werden wir von einem riesigen Regenbogen und tollem Abendlicht empfangen. Nachdem der Anker sicher liegt, gibt es noch eine Mini-Regendusche, die sich jedoch mit dem Ankunftsbad überlagert - eine tolle Abendkulisse, in dem lauwarmen Meerwasser im Sonnenuntergang zu liegen. Danach gibt es den obligatorischen Sundowner in Form von Rum-Punches, alkoholfreiem Klausthaler aus Puerto Rico oder der vom Schiffer auf den Namen „Fanta Körperverletzung“ getauften tiefvioletten Fanta Grape (mit doppelt so viel hochfruktosehaltigem Maissirup). Teile der Crew sitzen bis in die nächtliche Ankerwache hinein an Deck unter dem Sternenhimmel und prüfen die Ankerpeilungen, welche ein paar Stunden zuvor genommen wurden – eine von der nördlichen Regenbogensäule und eine von einer schön ausschauenden Wolke. Kurz gesagt: Es müssen schnell neue Peilungen her.

Am nächsten Tag machen wir nach dem Frühstück das Beiboot klar, um auf die Insel zu fahren. Wir ankern etwa zwei Seemeilen weit vom Ufer entfernt, sodass wir dem kleinen Tohatsu erneut alles abverlangen. Eine knappe Stunde wird hierfür gegen Wind und Schwell benötigt. An Land finden wir uns an einem traumhaften Postkartenstrand mit weißem Sand und helltürkisem Wasser wieder. Das hatte bestimmt jeder im Kopf als es hieß, wir gehen auf den Bahamas segeln… Wir machen einen Spaziergang und erkunden ein paar Hurrikanruinen und verwaiste Resortanlagen, liegen im Wasser und genießen die herrliche Strandlandschaft.


Nach ein paar Stunden machen wir uns zurück zum Schiff, da der eigentlich Plan gewesen ist, noch am gleichen Abend Richtung Nassau aufzubrechen, um schlechteres Wetter am Ankunftstag zu vermeiden. Wir entscheiden uns jedoch dafür, die Route auf einen kürzeren Weg durch sehr flache Seegebiete abzuändern, bei denen wir teilweise auf Sicht navigieren werden, um dafür jedoch erst am nächsten Tag aufbrechen zu müssen. Das Stichwort unseres Wachführers hierzu: „Augapfelnavigation“. Daher kann der Tag weiter voll ausgekostet werden. Während der jüngere Teil der Crew sich mit Schnorcheln an Korallenhügeln und Kreuzworträtseln unter dem Sonnensegel vergnügt, startet die Schiffsführung unter Deck relativ zeitig mit den einem Gläschen des 69-prozentigen puerto-ricanischen Rums und verlangt dieser sogleich ein spontanes Nachmittagsschläfchen ab.

Etappe nach Nassau

Am nächsten Tag ist der Wind nahezu vollständig abgeflaut. Daher fahren wir von morgens bis nachmittags unter Motor. Die See ist dadurch zeitweise sogar glasig, sodass wir tolle Blicke auf den Meeresgrund haben. Unterwegs kommen wir an einer schlafenden Schule von Pilotwalen vorbei. Fast im gleichen Moment sehen wir das unserem Boot ein circa zwei Meiter langer Hai folgt - definitiv die zoologischen Highlights der Reise. Der Sundowner wird von Ralf aufgrund der Beschäftigungslosigkeit bereits auf einen Zeitpunkt mit Sonnenstandswinkel > 45 Grad gelegt. Das giftgrüne Gemisch wird auf den Namen „Seegras“ getauft. Abends können wir bei leichter Brise wieder das Groß und einen Code setzen und segeln mit Rückenwind nach einem tollen Sonnenuntergang in die Nacht hinein.

Als dann am nächsten Morgen das einzige an Bord geführte, wohlbehütete Frühstücksfleisch unter dem Crewkanon „Freude schöner Götterfunken“ feierlich geöffnet wurde, tut auch die Tatsache, dass dieses hier unter dem Namen „Jamonilla“ verkauft wird, der Freude des Schiffers keinen Abbruch (siehe Foto). Zwar ist der Teufel laut unserem Schiffer ein Eichhörnchen, wer uns aber in den windarmen Stunden vor Ankunft in Nassau peinigt, ist ein auf und unter Deck schamlos umherspazierender kleiner Vogel. Dieser wird spontan auf den Namen "Jens" getauft. Die Freude über das neue Maskottchen ist jedoch nur von kurzer Dauer, da der kleine Herumtreiber trotz aller Bemühungen der Crew schließlich der gnadenlosen Karibiksonne erliegt. Eine schmucklose Seebestattung durch den Schiffer – er wirft ihn kurzerhand über Bord – ist das Resultat seines letzten Abenteuers.

Beim Captain’s Dinner in Nassau wird zum Abschluss der Seereise auf Kosten unseres Schiffers genassauert. Dort machen wir Bekannschaft mit Adu, unserem Kellner, der unserer an Bord bleibenden Crew wohl den größten Deal der Seereise in einem Mischmasch aus Englisch und Schweizerdeutsch eröffnet. Was daraus wird, kann nur die Zukunft offenbaren.

Schöne Seereise ex.

 

 

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