
Die durch die Neuankömmlinge stark gealterte Crew (Durchschnittsalter erhöht sich von 25 auf 26) peilt am Mittwoch, den 10.12., ein für ihre Verhältnisse frühes Frühstück um 09:30 Uhr Bordzeit (UTC) an. Um 10 geht’s dann wirklich los. Ein alter Takelmeister-Trick. Während das Schiff zum Auslaufen präpariert wird, peitscht uns der Wind, den ein sich über Nacht gebildetes Randtief mitbringt, in die Gesichter. Der Düseneffekt zwischen den Bergen der Insel tut sein Übriges und der Puls der Schiffsführung steigt etwas beim Gedanken an den Ableger. Der Wind weht, wie sollte es auch anders sein, natürlich quer zur Box. Ein kurzer Blick über die Pier zeigt aber, dass in der Abdeckung im Süden der Marina nur eine kleine Atlantikdünung steht und auch der Wind moderater als im Hafen zu sein scheint. Eine deutliche Rechtsdrehung des Windes zeigt den Durchgang der Kaltfront an und verspricht Rückseitenwetter. Der Ableger gelingt dann völlig problemlos mittels luvwärtiger Achterleine und den ungezähmten PS unseres Volvo-Penta-Motors. Um die Crew nicht zu überfordern und weiterhin Lernfortschritte sicherzustellen, entscheidet sich die Schiffsführung für die Stagfock und ein zweites Reff im Großsegel. Nach dem Setzen der Segel wird durchrotiert, damit alle mal alle Positionen kennenlernen und Wenden und Halsen üben können. Dabei fällt die sehr schnelle Auffassungsgabe der Gäste auf, Manöverausführungen und die zugehörige Kommandosprache werden immer sicherer. Auch der navigatorische Teil wird geübt, indem die Schiffsposition durch Kreuz- und Radarpeilungen bestimmt wird. Wir teilen uns den Übungsraum mit 470ern und 49ern unterschiedlichster Nationen. Außerdem beobachten wir ein deutsches Schiff, das viele Manöver fährt und immer mal wieder eine gelbe Boje ausbringt. Es scheint sich um eine Prüfungsfahrt zu handeln.
Abends im Hafen sehen wir dann das Schiff ein paar Boxen weiter liegen. Wir kommen ins Gespräch und können den Seglern zu ihrem bestandenen SKS gratulieren. Natürlich bieten wir dem einzigen Berliner an Bord, der die letzten Tage unter Bayern verbringen musste, unsere hauptstädtische Gesellschaft an Bord von WALROSS 4 und eine Schiffsbesichtigung an. Zunächst müssen aber beide Crews essen. Nach der Tapas-Bar, wo wir die Karte einmal rauf und runter bestellen, treffen wir im Irish Pub der Marina zufällig wieder auf die SKSler. Außerdem werden auf dem Boden sitzend die schnellsten Möglichkeiten erörtert, sich die Schuhe zu binden. Da das allgemeines Wissen sein sollte, hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Turboschleife. Die schnellste Art, einen Kreuzknoten doppelt auf Slip zu machen! Bedankt euch später für die gesparte Zeit in eurem Leben…
Wieder am Schiff, besucht uns die vollständige SKS-Crew. Der Berliner konnte die Bayern nicht abschütteln. Wir laden die Crew auf Kaltgetränke ein und zeigen bei einer Tour übers Schiff die Besonderheiten unseres WALROSS. Sie sind schwer begeistert von den vielen Detaillösungen, die das Schiff so besonders und gut nutzbar für unsere Segelprojekte machen.
Am nächsten Morgen schlurft die Crew müde an den Frühstückstisch. Die kurz vor Ende des vorherigen Tages ins Radler gemixte Elotrans-Elektrolytmischung begrenzt den Schaden für einige Crewmitglieder. Am kommenden Tag werden 8 Bft angesagt. Ein Tief bei Island mit 945 hPa (!) Kerndruck schleift seine Kaltfrontausläufer bis zu uns auf 28° Nord. Da deswegen wohl ein Hafentag anstehen wird, wollen wir den heutigen noch einmal segelnd nutzen. Unter G3 und voll gesetztem Großsegel steuern wir eine Ankerbucht an, die in einer App viele gute Bewertungen bekommen hat. Begleitet wird das Ganze durch geölte Stimmen, die Lieder aus der Bierbibel zum Besten geben. Leider schlägt auf dem Weg zur Ankerbucht der eigentlich vorherrschende NO-Wind in eine SW-Seebrise um. Wir entscheiden uns gegen das Ankern in der nach SW ausgerichteten Ankerbucht, denn wir wollen ja den Urlaubscharakter beibehalten und einen entspannten Ankerplatz ohne Leegerwall-Situation aufsuchen. Also kehren wir um und segeln zur Ankerbucht des ersten Segeltages. Auf dem Weg dorthin erblicken wir eine Pogo 44, die unter Vorsegel vorwinds Richtung Marina Rubicon segelt. Wir fassen den Entschluss, anzugeben und das sportliche Boot einmal segelnd zu umkreisen. Als die Cockpits auf gleicher Höhe sind, grüßen wir gekonnt das deutsche Ehepaar an Bord. Unser extrem cooles Manöver wird mit einem Satz des Skippers zunichte gemacht: „Euch hängt da noch ein Fender raus!“ Nach dieser Schmach sehen wir zu, dass wir Land bzw. Ankergrund gewinnen. Als der Anker eingegraben und der sichere Halt durch Peilungen überprüft ist, wird der Spibaum gesetzt. Toppnant, zwei Schoten und eine Schwingleine komplettieren die Bademimik. Der Abenteuerspielplatz wird gleich genutzt und wir schwingen uns unter Beobachtung der Kamera der Bordfotografin sportlich ins Meer.
Zum späten Mittag gibt es Couscous-Salat. Nach einer weiteren Badeeinlage müssen wir uns fast beeilen, wieder zurück zur Marina zu fahren. Um 18 Uhr hat sich der Segelmacher angekündigt, der uns den zur Vermessung gegebenen Code 1 wiederbringen soll. Im Hafen hat der Wind kaum abgenommen, weswegen wir die Marina anfunken, ob wir Unterstützung beim Anlegen bekommen können. Als wir unseren Liegeplatz erreichen, stehen schon ein Dinghy und ein Mariniero an Land bereit, uns zu helfen. Das Dinghy mimt unser nicht vorhandenes Bugstrahlruder und das Anlegen wird trotz des Querwinds zu einer entspannten Angelegenheit. Arbeit leicht gemacht ist keine Faulheit! Ein großes Lob an die professionelle Crew der Marina.
Wir vertäuen das Schiff mit allem, was die Backskisten hergeben, um dem anrückenden Tief entspannt zu begegnen. Unter Deck werden anschließend leckere Burger zubereitet.
Der fallende Barograph kündigt am nächsten Morgen die Wetterverschlechterung an. Ein Teil der Crew macht sich auf, die Umgebung der Marina zu Fuß zu erkunden. Der Strand, der gestern noch von unserem Ankerplatz zu sehen war, ist heute Leinwand für eine W4-Maling. Die sportliche Betätigung kommt auch nicht zu kurz und es werden diverse Räder geschlagen.
Der an Bord gebliebene Teil der Crew schließt Bildungslücken eines Crewmitglieds im Bereich Dokumentationen über einen Supermarkt auf der Reeperbahn von 2007. Zum Abend kommt ein klassisches Berliner Weihnachtsessen auf den Tisch: Kartoffelsalat mit Würstchen. Anschließend soll der Tipp des Skippers der SKS-Crew verfolgt werden: Freitags sei im Irish Pub immer extrem gute Stimmung. Der stürmische Spaziergang durch die Marina zeigt, dass der Besuch des Irish Pubs aufgrund urlaubsbedingter Schließungen recht alternativlos ist . Der Tapas-Bar mit Artemi (wir berichteten) hätten wir schon noch mal einen Besuch abgestattet. Also nehmen wir an dem langen Mitteltisch kurz vor der kleinen Bühne Platz. Die Stimmung ist noch weit entfernt davon, „extrem gut“ zu sein, jedoch gibt’s auch erst in einer Stunde Live-Musik. Guinness, IPA, Cider und Estrella vom Fass verkürzen die Wartezeit. Insbesondere, weil diese gespendet wurden. Danke, Wolfgang, für die Getränke! Beim Studieren der Inneneinrichtung fällt uns ein Bild an der reichlich dekorierten Wand des Pubs auf. Die abgebildete Person hat eine auffallend starke Ähnlichkeit mit unserem Schiffer.
Um 10 Uhr betritt dann der Musiker die Bühne und heizt die Stimmung mit Liedern unterschiedlichster Genres und Jahrzehnte an. Bob Dylan, Oasis, die Backstreet Boys und viele weitere geben sich die Ehre. Dabei fragt er immer mal wieder in die Runde, ob ihn denn jemand beim Singen unterstützen würde. Beim Lied „Piano Man“ von Billy Joel ist es dann so weit. Eines unserer Crewmitglieder geht nach vorne, um den Song zu performen. In der Mitte der Darbietung entreißt der Barchef unserem Sänger das Mikrofon und macht den Musiker, der das Ganze angezettelt hatte, vor allen anderen rund: „This is no karaoke bar!“ Wahnsinnig clever war diese Intervention nicht, denn die Stimmung ist danach spürbar getrübt und es dauert eine Weile, bis sich überhaupt wieder jemand traut, die Songs am Platz sitzend mitzusingen. Doch die richtigen Hits und vermutlich auch die wiederholt geleerten Gläser der Gäste führen dazu, dass nach einiger Zeit auch das ein oder andere Tanzbein geschwungen wird. Die Zugaberufe der Gäste am Ende des Sets des Musikers werden vom Barchef erstickt. Das bringt dem eh schon als unsympathisch wahrgenommenen Mann Buhrufe des gesamten Pubs ein. Weil die Crew noch lange nicht genug von dem Musiker hat, fragen wir ihn, ob er Lust auf eine Verlängerung des Abends an Bord von WALROSS 4 hat. Er bejaht und kurze Zeit später sitzen wir an der Back im Salon und Fred - den Namen des ursprünglich aus England stammenden Musikers haben wir inzwischen herausgefunden - ist mit seiner Gitarre wie eine menschgewordene Jukebox. Er kann alle Wünsche aus der Corona zum Besten geben und wir unterstützen ihn dabei. Zwar etwas schief, dafür aber umso lauter. Auch einige Lieder aus der Bierbibel werden mit Begleitung durch Freds Gitarre gesungen. Währenddessen wütet draußen weiterhin der Wind und die Halbschalen des Windmessers fangen eine Böe mit 53 Knoten ein. Ein Vorsegel einer Yacht einige Liegeplätze weiter war wohl nicht richtig gesichert und kündigt geräuschvoll sein nahes Ableben an. Bei uns ist alles gut gesichert. Wir hängen zwischenzeitlich nur die Schlingerback aus, um bei der starken Krängung durch den Seitenwind die Gläser auf unserem Tisch nicht zu verlieren. Bis in die frühen Morgenstunden singen wir, sodass der Smut, der uns am nächsten Morgen leider verlassen muss, für ein paar Stunden Schlaf in die Crewlogis umzieht. Am Ende der Nacht tauschen wir mit Fred Telefonnummern, falls in den nächsten Wochen noch mal ein Auftritt von ihm ansteht.
Der nächste Tag wird ganz ruhig angegangen, das Wetter ist immer noch schlecht. Der Tag wird hauptsächlich unter Deck verbracht. Nur ein paar Ausschwärmer schaffen es weiter als bis zum vom Regen teilgefluteten Toilettenhäuschen. Diese scheinen nicht wirklich aktuellen Baurichtlinien zu entsprechen und das Austreten wird, angelehnt an das potenziell tödliche Glücksspiel, „Russisch Toilette“ getauft. Wer wird wohl von der durchhängenden Decke über den Klokabinen erschlagen werden?! Der regnerische Tag wird genutzt, um ein paar To-Dos am Schiff abzuarbeiten, Uniaufgaben zu erledigen und ein leckeres Chili sin Carne zu kochen. Ein Kinoabend beendet den Tag. Morgen soll es wieder aufs Wasser gehen. Das Leben ist gut.
Liebe Grüße von Bord
Eure W4-Crew
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