
Am Nikolaustag trifft der Großteil der sehr jungen Crew hinter dem ersten Duty Free im Terminal 2 des BER in persona aufeinander. Teils lange ASV-bekannt, teils zum ersten Mal aufeinander treffend, werden die Wunden der sehr kurzen bis nicht vorhandenen Nächte geleckt. In freudiger Erwartung, die nächsten fünf Stunden in einer 800 km/h schnellen Aluminiumröhre mit schnarchenden Mitreisenden Richtung Süden katapultiert zu werden, wird das kalte Bier, das der Kassierer unterm Tresen aus einem Kühlschrank zaubert, dankend angenommen. Die Crew entscheidet sich nach der Landung, dass der körperliche Kontakt mit gänzlich Unbekannten für heute ausreicht und teilt sich in zwei Taxis auf, die sich in Kolonne Richtung Marina Rubicon aufmachen. Ein Taxifahrer überzeugt, vorsichtig gesagt, durch kreative Überholmanöver. Der andere trägt seinen Konflikt mit José in Konzertlautstärke über die Freisprecheinrichtung aus, was dem ein oder anderen mitreisenden Kater an Bord des Taxis in den Wahnsinn treibt. Glücklicherweise hat auch diese Beförderung ein Ende und wir steigen quasi direkt am Liegeplatz von WALROSS 4 aus. Hier übernehmen wir unser Schiff, was die letzten zwei Wochen leider nur Hotelschiff war. Natürlich wird dennoch eine gründliche Übernahme begonnen und das Schiff auf links gedreht. Ein frisch gebackener Sportseeschiffer an Bord freut sich, endlich mal keine Tiden im Bereich der Seekarte 2565 „erleben“ zu dürfen und schaltet das Echolot an, um im 12-Stunden-Diagramm am kommenden Morgen den Verlauf des Wasserstandes zu verfolgen.
Apropos Pegel: An dem arbeitet die Crew im Verlauf des Abends in der lauen Luft vor einer gemütlichen Tapas-Bar und probiert neben Lanzaroter Wildschwein, in Knoblauch getränkten Champions und Pimentos auch die Sangria-Kreationen in Ein-Liter-Gebinden. Auch eine Scherbe im zur Abwechslung bestellten Bier tut der Sache keinen Abbruch und pflanzt den Gedanken, auch in zukünftigen Getränken eine Scherbe zu platzieren, um ein neues Gratisgetränk zu bekommen. Natürlich wird davon aus moralischen Gründen rasch Abstand genommen. Gratisgetränke gibt’s am Ende trotzdem. Eine Flasche endlos süßen Honigschnapses mit dem Namen „Artemi“ wird auf den Tisch gestellt und der Kellner fordert uns heraus, sie auszutrinken, wenn wir es denn schaffen würden. Drei Runden später geben wir uns der deutlich leerer gewordenen Flasche Artemi geschlagen und machen uns auf zu unserem schwimmenden Zuhause. Im Cockpit lernt sich die Crew mit einer Spotify-Wrapped-Party und einer anschließenden Runde „1-bis-10“ weiter kennen, was für reichlich Gesprächsstoff sorgt (Nein, Pellkartoffeln mit Quark ist KEIN Essen! (Anmerkung des Chronisten)).
Der nächste Morgen beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück zu einer für Studierende verträglichen Zeit. Damit hat niemand ein Problem, denn noch gehören alle an Bord dieser Gruppe an. Erst Dienstag wird das erste und einzige Crewmitglied > 30 Jahre an Bord kommen. Das jüngste Crewmitglied ist 22, das älteste 28. Es fühlt sich fast ein bisschen illegal an, dass hier niemand „erwachsenes“ an Bord ist. Nach dem Frühstück wird mit kindlicher Freude zum Tiefenverlaufsdiagramms des Echolots gestürmt, um die These der perfekten Sinuskurve vom Vortag auf dem Display des Anzeigegerätes bestätigt zu sehen. Da kann St. Malo einpacken!
Anschließend wird eine ausführliche Sicherheitseinweisung durchgeführt. Außerdem werden letzte Punkte der Übergabeliste abgearbeitet, die am Tag nicht mehr erledigt werden konnten. Nach einer Bagel-Stärkung werden Seekarten überprüft, das Deck inklusive Beschläge gespült und Tagebücher geschrieben. Zwei Ausschwärmer kehren zum Walross zurück und aktivieren die Stubenhocker mit einem Bausatz für ein orangenes Mixgetränk und der Aussage, dass es draußen auch ganz schön sei. Wir erklimmen also die Pier und erblicken havelähnliche Bedingungen in der Bucht südlich der Marina. Wir spazieren vorbei an einem Trainingslager voll mit Booten olympischer Klassen und fragen uns, welcher große Wettbewerb hier seine Schatten voraus wirft. Ein Begleitboot zieht unsere Aufmerksamkeit ganz auf sich, das seine besten Jahre hinter sich zu haben scheint. Am Kopf der Pier entdecken wir einige Krabben, die das schöne Wetter auch zu genießen scheinen. Zum Abend hin gibt der Wachführer unseren unbefahrenen Gästen eine erste theoretische Einführung in Segelmanöver und Knotenkunde. Die perfekten Rollwenden eines 470ers im Hafen hatten das Interesse der Crew geweckt. Außerdem sollen am nächsten Tag das erste Mal abgelegt und Segel gesetzt werden.
Ein wunderbar kitschiger Sonnenuntergang, von dessen bildlicher Darstellung wir aus inoffiziellen ASV-Verbotsgründen absehen, rundet den Tag draußen perfekt ab. Unter Deck geben die ASVer an Bord den Gästen eine erste Einführung in die größten Hits der Bierbibel. Intensives Studieren der Texte in der jungen Crew zeigt jedoch abermals, dass einige Lieder mal dringend überholt, rausgeschmissen oder zumindest in Kontext gesetzt werden sollten. Das Liederheft „Sirenengesänge“, das anlässlich des Jubiläums von 50 Jahre Frauenaufnahme im ASV dieses Jahr herausgebracht wurde, zeigt da einige Verbesserungsvorschläge auf.
Am kommenden Morgen (08.12.) wird es nach dem Frühstück und Öffnen des bordeigenen Adventskalenders emsig auf dem Schiff: Wir wollen zum ersten Mal den Liegeplatz verlassen und einen Schlag segeln gehen. Der Ableger gelingt souverän durch Eindampfen in die Achterleinen und kontrolliertes Fieren selbiger. Der Atlantik begrüßt uns mit einer kaum wahrnehmbaren Welle und 10 Knoten Wind aus SE. Perfektes Sektsegelwetter also. So wundert es nicht, dass Rasmus und Klärchen mit einer Flasche Schaumwein begrüßt werden und dem Urheber des Songs „Sektsegeln“, der auch an Bord ist, einige Centbruchteile durch Streamingeinnahmen beschert werden. Im weiteren Verlauf werden die gestern in der Theorie kennengelernten Segelgrundlagen in der Praxis vertieft. Alle Kurse zum Wind und deren Eigenheiten werden in einem ausgedehnten Vollkreis herausgesegelt.
Schon beim Herausfahren aus dem Hafen hatte die Crew am Morgen eine nahe Ankerbucht ausgemacht, die nach dem ersten Segelschlag Ziel werden sollte. Während dieses Angefahren wird, kündigen erste Düfte von angebratenen Zwiebeln und Knoblauch aus der Pantry das sich anbahnende Shakshuka an. Als der Anker fällt, muss der Wachführer aufgrund des kristallklaren Wassers nicht einmal raten, wann er das Kommando „Anker am Grund“ gibt. Er sieht es einfach. Nach Salat und Shakshuka (ja, Mama, wir haben eine halbe Stunde nach dem Essen gewartet) wird der 18°C warme Atlantik schwimmend erkundet. Der noch nicht abgearbeitete Punkt „Beiboot“ des Übergabeprotokolls soll nicht unbearbeitet bleiben und auch die Petrolheads an Bord wollen den 2-Takter duften und ratteln hören. Eine kleine Ortskontrollfahrt bestätigt die einwandfreie Funktion von Beiboot und Außenborder.
In sich senkender Abendsonne wird der Anker gelichtet und vorwinds unter G3 gen Marina zurückgesegelt. Die romantische Stimmung wird kurz durch den Ruf „die Iren kommen“ zerrissen. Ungläubiges nervöses Umherschauen führt dann rasch zu der Erkenntnis, dass wohl der 470er im Kielwasser gemeint sein muss. Dieser setzt an, uns unter Spi zu überholen. Doch sowohl die Anordnung der Farben der Flagge auf dem Spi als auch die Buchstabenkombination „ITA“ darunter lässt nur den Schluss zu, dass die italienische Besatzung der Jolle fälschlicherweise für englischsprechende Inselbewohner gehalten wurde. Manchmal ir(r)t man sich einfach… Das Rennen zum Zapfhahn gewinnen sie leider.
Inspiriert von diesem Erlebnis entscheidet sich die Crew nach einem wunderschönen Segeltag für das „irische“ Restaurant in der Marina und lässt sich Pizzen, Pasta und Schwertfisch schmecken.
Der nächste Tag beginnt mit einem Frühstück, wonach weitere To-dos abgearbeitet werden. Ein Gast will hoch hinaus und kann die Aussicht von unserem 26m hohen Mast genießen. Im Gegenzug bringt sie ein fehlgeleitetes Spifall wieder auf den rechten Kurs und checkt dabei den Mast.
Auch der nun schon länger wegprokrastinierte Großeinkauf soll heute endlich stattfinden und es werden fleißig Einkaufslisten geschrieben. Wie der zum Schiff kommen soll, ist jedoch noch fraglich. Das Team, welches die Möglichkeiten eines Mietwagens ausloten soll, muss leider feststellen, dass es 15 Minuten nach Siestabeginn vor verschlossenen Türen steht. Die Zeitangabe war wohl s.t…. Wie es sich für richtige Studierende gehört, lösen wir das Problem umgehend: Wir verschieben es. Also werden die Badesachen gepackt und zum nahegelegenen Strand spaziert. Wir finden an dem relativ vollen Strand direkt ein freies Plätzchen für unsere große Gruppe. Als beim Baden unsere Handtücher und Klamotten von einer Welle überspült werden, wird uns wieder gewahr, dass Tiden nicht nur auf Boote Einfluss haben, sondern auch auf unkonzentrierte Strandbesuchende.
Der Spaziergang zum Strand hat die Distanz zum örtlichen Aldi signifikant verkleinert und so führt kaum noch ein Weg am Großeinkauf vorbei. Während eine Gruppe weitere To-dos am Walross abarbeitet, kämpft sich die andere mit vier Einkaufswägen durch den Supermarkt. Irgendwie bugsieren wir die gerade noch schiebbaren Wägen wieder aus dem Aldi und wählen die Nummer des örtlichen Taxiunternehmens. Die freundliche Dame am Telefon versichert, dass vier Personen und „a lot of groceries“ kein Problem darstellten. Wenige Minuten später ist es dann doch ein Problem, denn der Taxifahrer erklärt, er sei kein Transporter und sowieso sei das ja ein riesen Missverständnis. Den Inhalt eines Einkaufswagens und eine Person bekommen wir dann doch in seinen Prius reindiskutiert. Sein Kollege, der wenige Minuten später kommt, prügelt dann mit bester Laune die restlichen drei Einkaufswägen und Personen in seinen Wagen. Es scheint, manchmal liegt es nur an der Einstellung zu einem Problem…
Zurück am Boot dürfen wir drei weitere Crewmitglieder begrüßen, die heute angereist sind und die Heizleistung unter Deck vergrößern. Die Stimmung ist gut, wir freuen uns auf die nächsten Segeltage!
Wir grüßen alle, die es hierhin geschafft haben und wünschen eine schöne Vorweihnachtszeit!
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